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Seeschlangen
Weihnachten 1970. Die silberne
Nase des zweistrahligen Royal Thai Jets bohrt sich tief in die grauschwarze Wolkendecke,
die schwer wie alter Plüsch über dem malaysischen Meer lastet
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Es regnet auf Penang Island und dies schon seit Tagen, wie nur der chinesische
Portier mit breitem Grinsen erklärt. "Swimmen no good", lächelt
er, "vely, vely dangerous, viele Seeschlangen, jetzt alle an Oberfläche,
weil Wasser kalt.
Ein Bericht von Dr. med. Jürg Eichhorn
Seeschlangen sind zugleich die giftigsten Reptilien der Welt
Auf die Frage, ob er lieber von einer Kobra oder einer Seeschlange gebissen
werden würde, antwortete mir ein malaysischer Fischer mit unverständlichen
Lächeln: "Kobra, no question".
Seeschlangen sind ausnahmslos giftig
Einst Bewohner des Landes haben sie sich dem Leben im Wasser angepasst. Sie
besitzen keine Kiemen, sondern Lungen und atmen Luft. Ihre Tauchzeit ist deswegen
begrenzt, im Mittel je nach Art auf 10 bis 30 Minuten. Bisweilen können
sie sich aber 2 bis 8 Stunden unter Wasser aufhalten. Die Fähigkeit zu
solch langen Zeiten kann allem durch den sehr grossen rechten Lungenflügel,
der bis in die Schwanzspitze hinein reicht, nicht erklärt wer- den. Vermutlich
sind Seeschlangen befähigt, durch die Haut dem Wasser zusätzlich Sauerstoff
zu entziehen. Auch ist anzunehmen, dass ihr Körper imstande ist, eine längere
Sauerstoffschuld schadlos zu überstehen. Teile der Lunge sind vom Gasaustausch
ausgesperrt und regulieren als hydrostatisches Organ den Auftrieb. Dieses Organ
befähigt gewisse Arten sehr tief zu tauchen. Man spricht von 180 Metern,
doch wissenschaftlich belegt ist diese Aussage nicht. Sie stützt sich lediglich
auf Untersuchungen des Mageninhaltes.
Eine besondere Adaptation an das Salzwasser stellt eine unter der Zunge gelegene
Salzdrüse dar. Sie scheidet laufend das vom Körper zuviel aufgenommene
Salz wieder aus. Verirren sich Schlangen ins Süsswasser, so wird die Ausscheidung
stark gedrosselt und das Überleben gesichert. 1934 fingen Eingeborene im
"Grand Lac" in Kambodscha eine Meersschlange. Der Abfluss dieses Sees
ist der Mekong River, den die Schlange flussaufwärts durchschwommen haben
muss. Seeschlangen, vor allem die sehr gefährliche Enhydrina schistosa,
halten sich überhaupt gerne im salzärmeren Wasser von Flussmündungen
auf. Entsprechend häufig sind Unfälle in diesen Gebieten. Dabei sind
es weniger Schwimmer, die gebissen werden, als vielmehr Badende und Fischer,
die durch das untiefe Wasser waten. In einem Fall wurde ein Kind noch 5 Meilen
flussaufwärts von einer Schlange tödlich gebissen.
Der Salzgehalt der Meere, in denen Seeschlangen vorkommen, liegt im Mittel bei
3,5 Prozent. Bei einem höheren Salzgehalt vermögen die Drüsen
nicht mehr alles überflüssige Salz aus dem Körper auszuscheiden.
Dies ist wohl der Grund, dass das Rote Meer mit einem durchschnittlichen Salzgehalt
von 4 Prozent frei von Schlangen ist. Seeschlangen sind dank ihrem abgeflachten,
ruderartigen Schwanz ausgezeichnete Schwimmer, die kraftvoll und mit viel Eleganz
durchs Wasser gleiten. Es gibt auch Landschlangen, die gelegentlich baden gehen.
So zum Beispiel die in den USA beheimatete ein Meter lange giftige Mokassinschlange
oder die mit 8 bis 10 Metern grösste Riesenschlange, die ungiftige Anakonda.
Sie unterscheiden sich von den Seeschlangen durch den zum Schwimmen ungeeigneten
spitz zulaufenden Schwanz.
Der Wissenschaft sind ungefähr 50 verschiedene Arten bekannt. Ihr Vorkommen
erstreckt sich von den tropischen Küsten Nordostafrikas über den persischen
Golf bis nach Japan, Australien und den Samoa Inseln im Pazifik. Die im freien
Meer lebende Plättchenseeschlange ist am weitesten verbreitet: Von Südostafrika
über den Indischen und Pazifischen Ozean bis Lateinamerika und von Tasmanien
bis zum südlichen Sibirien.
Frei von Schlangen sind das Mittelmeer, das Rote Meer, der Atlantik und, vorläufig
noch, die Karibik: Sollte einmal der Panamakanal zu einer schleusenlosen Wasserstrasse
ausgebaut werden, so droht diesem Meer eine Katastrophe. Seeschlangen würden
in Kürze den Weg durch den Kanal finden und die Karibik mangels natürlicher
Gegner lawinenartig bevölkern. Bis den ansässigen Tieren das Bewusstsein
"Achtung giftig" eingeprägt sein wird, dürften die ökologischen
Verhältnisse in diesem Raum empfindlich gestört worden sein.
Die gelbbauchige Plättchenseeschlange (Pelamis
platurus)
Seeschlangen müssen unterschieden werden in solche, die ufernah leben
und in solche, die im freien Wasser zu Hause sind. Die Plättchenseeschlange
Pelanus platurus ist der Hauptvertreter dieser Gruppe, die 39 Arten zählt.
In warmen Strömungen driften diese ausgesprochenen Oberflächenjäger
über ganze Ozeane hinweg. Einmal an Land gespült, haben sie kaum eine
Überlebenschance. 1972 strandeten bei Puerto Vallarta in Mexiko, vor den
Augen entsetzter Badetouristen, 22 Plättchenseeschlangen. Sie haben die
Fähigkeit, sich auch auf dem Lande fortzubewegen, vollständig eingebüsst.
Paarung und Geburt erfolgen dementsprechend draussen im Meer. Nach einer Tragzeit
von mindestens 5 Monaten schenkt ein Weibchen 5-6 Schlangenbabys das Licht der
Welt. Ihre Körperlänge beträgt 22 bis 26 Zentimeter und sie erweisen
sich schon am ersten Tag als recht gefrässig. Die Fische des freien Wassers
haben die instinktive Gewohnheit, sich wenn möglich im Schatten von Treibgut
aufzuhalten, um so Schutz zu finden vor gehässigen Feinden. Dies sehr zur
Freude der darin lauernden Schlangen. Nun hat aber nicht jede Schlange das Glück
eines solchen Logenplatzes: Ist einmal kein Treibgut vorhanden, so legen sie
sich passiv aufs Wasser und amen etwas leblos Treibendes nach. Frohlockend ein
schützendes Obdach gefunden zu haben, schwimmen die Fische nichts Böses
ahnend nahe der Unterseite der Schlange. Einmal in Kopfnähe packt diese
mit einer blitzartigen Seitwärtsbewegung zu.
Seeschlangen sind neugierig, nahe der Oberflache allgemein viel frecher und
aggressiver. Ein Taucher an der Küste Malaysias musste dies sehr hautnah
erfahren: Auf 18 Meter Tiefe stiess er auf eine Pelamis platurus, die sichtlich
Angst zeigte vor diesem schwarzen, blasenspeienden Ungetüm. Der Taucher
verfolgte die Schlange über dem Grund und diese strebte alsbald der Oberfläche
zu. Jetzt änderte sich ihr Verhalten schlagartig. Wiederholt attackierte
sie den Reissaus nehmenden Taucher. Die Bisse vermochten ihm allerdings nichts
anzuhaben. Die Giftzähne fast aller Seeschlangen sind zu kurz, um einen
5 Millimeter dicken Neoprenanzug zu durchbohren.
Die ufernah lebenden Seeschlangen (Laticauda)
Ganz andere Verhaltensweisen und Eigenschaften weisen die ufernah lebenden
Seeschlangen auf. Etwa 13 Arten sind bekannt. Hauptvertreter ist die farblich
ausserordentlich schön gebänderte Schlange Laticauda laticaudina.
Sie haben die Fähigkeit bewahrt, sich auf dem Lande aufzuhalten und fortzubewegen.
Wie die wahrscheinlich ältesten Vertreter der Reptilien, die Schildkröten,
sind sie amphibisch. Wir begegnen ihnen in Höhlen, Grotten oder Spalten,
in Felsformationen, Gezeitentümpeln, in Korallenriffen und über Schlickgrund.
Immer auf der Suche nach Fischen, Krebsen und Röhrenaalen. Ihr Tauchvermögen
ist besser entwickelt als das der Plättchenseeschlangen. Nach einer Geschlechtsreifung
von rund drei Jahren legen die Weibchen 5 bis 7 Eier, vornehmlich in den geschützten
Spalten, Rissen und Höhlen der Küste. Einige Arten verlassen dabei
das Wasser und vollziehen die Eiablage auf dem Land. Oft sammeln sie sich zur
Paarungszeit und wandern dann zur Eiablage zu kleinen, unbewohnten Inseln. Dort
trifft man sie in Horden zu Hunderten oder Tausenden. Eine Tatsache, die sich
die kommerzielle Schlangenfängerei zu Nutze macht.
Die "Balingkasaw", so nennen die Philippiner die Laticaudaarten, sind
überaus schöne Schlangen. Sie zeigen 40 bis 50 schwarze Querstreifen
auf zartem, gräulichblauem oder grünlich schimmerndem Grund. Wegen
ihrer Länge von 1,5 bis 2 Meter und dem beachtlichen Durchmesser eignen
sie sich hervorragend für Schlangenleder. Clevere Geschäftsleute aus
Japan witterten das einträgliche Geschäft zuerst. 1934 gründeten
sie auf Gato Island nahe der Philippineninsel Cebu die erste kommerzielle Schlangenfischerei.
Die Häute wurden dann nach Japan verschafft und als "japanisches"
Schlangenleder nach Europa exportiert, wo es zu Taschen, Schuhen, Arm- und Uhrenbändern
verarbeitet wurde. Bis in die fünfziger Jahre bedeutete es den feinen Damen
der Gesellschaft besondere Extravaganz, für einmal nicht "Kroko",
sondern "Seeschlange" zu tragen.
Auch das Fett der Schlangen findet Verwendung. Pro Tier gewinnt man 200 bis
300 Gramm. Nach dem Kochen bleiben davon rund 100 Milliliter Öl übrig.
Dieses enthält viel Vitamin A und findet sowohl in der Butter- und Margarinenherstellung,
als auch in der Industrie Verwendung.
Die ufernah lebenden Seeschlangen sind allgemein viel freundlicher. Sie tun
niemandem etwas zu leide und sind lange nicht so aggressiv wie ihre Verwandten
draussen im Meer gelegentlich zu sein pflegen. Die Kinder auf den Fidschi Inseln
und Bali machen sich ein Spiel daraus, in den Gezeitentümpeln nach ihnen
zu suchen und sie vorsichtig mit der locker gehaltenen Hand zu fassen.
Gefährliche Jagd
Die armen philippinischen Fischer bedienen sich besonders makabrer Methoden.
Als "Snake Patrol" fahren sie der Küste entlang und halten genau
über dem Ort, wo sie eine zum Atmen aufgetauchte Schlange gesichtet haben.
Einer der Männer lässt sich unverzüglich mit einem Stein beschwert
in die Tiefe und fangt das langsam abtauchende Tier. Lebend werden diese auf
einen Bambusstab gespiesst und über leisem Feuer gegrillt.
Andere Fischer sind noch mutiger. Sie bringen ein spitz zulaufendes Netz mit
Köderfischen auf Grund, 10 bis 12 Meter tief, und beobachten das Geschehen
von oben. Es dauert im allgemeinen nicht lange bis die Schlangen über die
Köder herfallen. In diesem Augenblick taucht einer der Männer hinab
und zerrt die Schlangen aus dem Netz. Mit jedem Tauchgang bringt ein guter Schlangenfänger
bis 6 Tiere, drei in jeder Hand, nach oben. Im Mittel erbeutet ein Fischer so
etwa 40 Tiere pro Tag. Schlangen sind dämmerungsaktive Räuber. Entsprechend
ergiebiger ist der Fang bei hereinbrechender Dunkelheit.
Die Fischer Vietnams wenden einen einfacheren Trick an. Sie werfen neben dem
Boot Köderfische ins Wasser und warten mit asiatischer Gelassenheit bis
sich eine Schlange heranpirscht. Dann packen sie mit der nackten Hand mutig
zu. So fangen sie auch die kräftige und sehr aggressive Lapemis hardwickii.
"Walo Walo" nennen die Vietnamesen diese gewandte und farblich sehr
vielfältige Schlange.
Der grösste Feind der Seeschlange ist der Mensch und ausser ihm haben sie
kaum ein Lebewesen zu fürchten. Unter Wasser dürften es lediglich
Haie und Wale sein, die häufiger Seeschlangen verspeisen. Gefahr droht
den Schlangen auch aus der Luft: Seevögel und Adler bereichern gern ihren
Menuzettel mit zartem Schlangenfleisch.
Die Vergiftung
In der Zeit von 1957 bis 1964 wurden im Inselspital von Penang 101 Seeschlangenvergiftungen
behandelt: 10 Badende und 91 Fischer. Bei 8 Opfern kam jegliche Hilfe zu spät.
Sie starben an Atemlähmungen, bis fast zum letzten Atemzug bei vollem Bewusstsein.
Gemessen an den Tausenden von Badetouristen, dies sei zur Beruhigung angehender
Südseeinsulaner doch gesagt, sind Schlangenbisse bei Badenden extrem selten.
Ungleich häufiger sind Vergiftungen durch Steinfische, Stechrochen und
andere.
Der Biss ist Heimtückischerweise fast schmerzfrei und die Hautverletzung
wegen der Feinheit der Zähne oft kaum zu sehen. Blutung und Schwellung
im Bereich des Bisses, typisch für Stein und Rotfeuerfischvergiftungen,
werden nie beobachtet.
Nach einer symptomfreien Zeit von 10 Minuten bis mehreren Stunden, im Mittel
30 bis 90 Minuten, erscheinen die ersten Anzeichen der Nervenverlähmung:
die Zunge wird schwer, der Hals trocken. Oft gesellen sich Übelkeit und
Erbrechen hinzu. Angst beschleicht den Patienten, er wird unruhig, gelegentlich
euphorisch und alles ist ihm dann gleichgültig. Die Glieder werden steif
und schmerzhaft, die Beine verlieren zusehends die Kraft den Körper zu
tragen. Die Lähmung ist meist aufsteigend: nach den Beinen versagt die
Bauch- und Atemmuskulatur. Schliesslich atmet er nur noch mit dem Zwerchfell.
Der Vergiftete erweckt so den Anschein eines Schlafenden, bleibt aber bis zum
Tode bei vollem Bewusstsein. Dieser tritt in 25 Prozent der Fälle innerhalb
der ersten 8 Stunden nach dem Biss ein, in 50 Prozent zwischen 8 und 24 Stunden
und in 25 Prozent im Verlauf von 3 Tagen. Wird der 3. Tag überlebt, so
heilt die Vergiftung meist restlos aus.
Die wirksamste Behandlung besteht in der Verabreichung eines Gegengiftes. Abbinden
und Aussaugen der Biss- wunde sind nur von geringem Wert.
Heisse Umschläge nützen, im Gegensatz zur Steinfischvergiftung, nichts.
Wichtig: Betroffenes ruhigstellen und nicht mehr bewegen. Stecken gebliebene
Giftzähne mit einer Pinzette oder mit einem gespannten Haar entfernen.
Sich unbedingt die Art der Schlange merken, denn die Behandlung mit Gegengift
ist mit Risiken verbunden und sollte nicht unbegründet angewendet werden.
Bei Atemstörungen Mund-Nase Beatmung, eventuell über mehrere Stunden,
solange jedenfalls bis die Spontanatmung wieder einsetzt.
Das Gift
Das Gift der Seeschlangen, eine farblose bis leicht gelblich schimmernde, zähe
Flüssigkeit, ist ein Gemisch verschiedener giftiger Eiweissverbindungen.
Besondere Bedeutung kommt dabei einem Neurotomin zu, das nervenlähmend
wirkt und letztlich für den Tod verantwortlich ist.
In den Giftdrüsen lagern durchschnittlich 10 bis 15 mg Gift. 3 bis 10 mg
wirken aber bereits tödlich. Und trotzdem: ¾ aller Schlangenbisse
verlaufen harmlos wie ein Nadelstich und nur ¼ zeigt tatsächlich
Symptome einer Vergiftung. Von diesem Viertel sterben unbehandelt 5 bis 35 Prozent.
Nur eine Laune, gar ein Zufall der Natur? Eine nicht bewiesene, biologisch aber
denkbare Erklärung bietet sich uns an: Schlangen beissen ökonomisch,
das heisst, sie gebrauchen ihre Waffe Gift wohldosiert. Es wäre für
sie unwirtschaftlich, einen kleinen Fisch mit einer Überdosis Gift zu lähmen
oder einen Angreifer, sei es Fisch oder Mensch, gleich zu töten. Das Giftreservoir
würde sich so zu rasch erschöpfen. Warn oder Verteidigungsbisse mit
keiner oder nur geringer Giftabgabe sind häufig und dienen der Erhaltung
der angreifenden Art.
Seeschlangen - Ungeheuer der Meere?
Es wäre unklug, Seeschlangen harmlosen Blindschleichen gleichzusetzen,
aber bösartige Bestien? Nein, das sind sie keineswegs. Die Furcht vor Schlangen
sitzt dem Menschen von alters her fest im Nacken. Vorurteile, tiefverwurzelt
in seiner Seele, hemmen seinen sonst ach so rationalen Geist. Dr. Harald Heatwole,
Professor für Zoologie an der Universität von Neu England in Australien,
ist von solchen Vorurteilen längst befreit.
Von Gato Island, dem Hauptsitz der philippinischen Schlangenfischerei, berichtet
er: "Über mehrere Tage hinweg beobachteten wir unter Wasser eine dichte
Population von olivgrünen Aipysurus laevis, die in der Literatur als sehr
aggressiv bezeichnet werden. Nun geschah es mehrmals, dass einzelne Schlangen
direkt auf mich zuschwammen, manchmal noch aus einer Entfernung von zehn Metern
oder mehr. Die einen Tiere vom freien Wasser her, andere wiederum ihr schützendes
Korallenversteck verlassend. Die langsame, bedächtige Schwimmweise lies
wohl einen Zweck vermuten, deutete aber keineswegs auf einen Angriff hin. Immer
verhielt ich mich dabei ganz ruhig und erlaubte den Schlangen, sich mir zu nähern.
Elegant und mit viel Harmonie zogen
sie durchs Wasser, schwammen an meiner Seite und berührten mit ihrer feinen
Zunge mehrmals meine unbedeckte Haut oder den Tauchanzug.
Eine solche Erkundung meines Wesens dauerte nie länger als zehn Sekunden,
oft nur Augenblicke. Nachdem sie so ihre Neugierde gestillt hatten, zogen sie
jeweils bedächtig schlängelnd von dannen. Andere Arten in anderen
Gewässern zeigten gleiche Verhaltensweisen. Nie wurden wir dabei gebissen.
Meist waren sie uns Tauchern gegenüber völlig gleichgültig und
liessen uns sogar ganz nahe an sie herankommen. Ein Taucher berichtete, dass
er eine Schlange, nur 25 Zentimeter von seiner Gesichtsmaske entfernt, die längste
Zeit beobachten konnte wie sie den Grund nach Nahrung absuchte.
In der Paarungszeit gilt, so betont Professor Heatwole, für viele Schlangen
diese friedliche Art der Begegnung nicht mehr. Dann genügen schon harmlose
Belästigungen, etwa ein heftiger Flossenschlag um unter Umständen
heftige Attacken auszulösen. Die harmonischen, wellenförmigen Schwimmbewegungen
werden augenblicklich zu ruckartigen Stössen, so dass man den Eindruck
erhält, der Kopf schnelle vor und zurück. Mit erstaunlicher Schnelligkeit
schiesst die Schlange durchs Wasser und attackiert den Belästiger. Charakteristisch
hierbei ist die Ausdauer, mit welcher sie einen fliehenden Taucher über
längere Distanz verfolgen, immer wieder angreifen und beissen kann. Abwehrversuche
mit Flossen, Stöcken und dergleichen bleiben meist hilflose Unterfangen
und reizen die Schlange nur noch mehr. Der Angriff einer wütenden Seeschlange
kann zu einem erschöpfenden Erlebnis führen, das dem Taucher tief
im Gedächtnis haften bleiben wird. Falls er den Angriff überlebt.
Es gibt nämlich Seeschlangen, deren Giftzähne Sechs-Millimeter-Neopren
zu durchdringen vermögen. So die orangerote Astrotia stokesii, die vor
allem in den Gewässern Malaysias beheimatet ist.
Attacken gereizter Seeschlangen ausserhalb der Paarungszeit können gleichermassen
heftig erfolgen. Nur liegt die Reizschwelle um etliches höher und ist zudem
von Art zu Art verschieden.
Seeschlangen - Ungeheuer der Meere? Nochmals ein klares Nein. Und dieses Nein
wird sicher unterstützt von Dr. McCosker, Direktor des Steinhart-Aquariums
in San Franzisko, Kalifornien: "Ich war soeben damit beschäftigt,
eine Fischfalle, die wir zu Versuchszwecken auf dem Grund angebracht hatten,
zu lösen, als plötzlich eine Schlange in meine Nähe kam.
Sie ringelte sich behutsam um meinen Arm und wartete beharrlich, bis ich die
Falle losgelöst hatte, wohl in der irrigen Meinung, sich an den Fischen,
fürs Aquarium bestimmt, genüsslich zu tun. Ich versuchte, sie mit
leichten Schüttelbewegungen loszuwerden. Die Schlange war aber keineswegs
bereit, auf die billige Mahlzeit zu verzichten. So blieb mir nichts anderes
übrig, als mit meinem unliebsamen Begleiter aufzutauchen. An der Oberfläche
schleuderte ich sie mit einem plötzlichen Ruck ins Boot, sehr zum Entsetzen
meiner Assistenten. Es war eine Pelamis platurus, die, wenn einmal gereizt,
äusserst aggressiv reagieren kann. "
Seeschlangen sind die häufigsten Reptilien
der Welt
Am 4. März 1932 sichteten Matrosen in der Strasse von Malakka, zwischen
Malaysia und Sumatra, eine Ansammlung von mehreren Millionen orangeroter und
schwarzer Seeschlangen, eine schlängelnde Masse, drei Meter breit und rund
hundert Kilometer lang. Die spanischen Seefahrer des 16. Jahrhunderts wussten
von enormen Horden gelbbauchiger Seeschlangen entlang der südamerikanischen
Pazifikküste zu berichten. In Puerto Marques, einer stillen Bucht etwas
abseits vom mondänen Badeort Acapulco, begegnete ich vor Jahren einem alten
Fischer, dessen Fanggründe einige Meilen ausserhalb Acapulcos lagen. In
seinen Netzen drei sehr giftige Plättchenseeschlangen. An bewölkten
oder regnerischen Tagen, so berichtete er mir, seien es oft noch mehr, gelegentlich
über hundert. Auf den japanischen Amani-Inseln werden jährlich 50'000
Schlangen ihrer Haut wegen gefangen. In der Nähe der fruchtbaren Philippineninsel
Cebu sogar weit über 100000.
Begegnung im Meer - Was der Taucher wissen muss
Unprovozierte Angriffe kommen wahrscheinlich vor, sind aber sicher extrem selten.
Schlangen sind neugierig und schwimmen gelegentlich auf Taucher zu. Die Schwimmweise
ist langsam und bedächtig. Verhält sich der Taucher ruhig und gelassen,
so erfolgt kein Angriff.
Viele Bissattacken auf Taucher werden ausgelöst durch hastige Abwehrbewegungen
gegen eine sich nur aus Neugierde nähernde Schlange.
Besonders in der Paarungszeit sind die Schlangen vermehrt reizbar und aggressiv.
Bei einem Angriff schnellt die Schlange ruckartig mit hoher Geschwindigkeit
durchs Wasser und beisst oft mehrmals zu.
Charakteristisch ist die Ausdauer, mit welcher sie einen fliehenden Taucher
verfolgen können.
Abwehrversuche mit Flossen und Stöcken reizen die Schlangen nur noch mehr.
Bei einem Angriff vermeide man hastige Bewegungen. Abtauchen stoppt vielfach
den Angriff. Flucht zur Oberfläche weckt noch mehr Aggressionen .
Tauchanzüge schützen weitgehend vor Vergiftungen.
Nicht jeder Biss in die Haut hat eine Vergiftung zur Folge. Verteidigungsbisse
mit wenig Giftabgabe stehen im Gegensatz zu den Jagdbissen, die die rasche Tötung
eines Beutetieres oder eines gefährlichen, hartnäckigen Angreifers
zum Ziele haben.
Und noch etwas Kulinarisches
Bis vor kurzem gab es in Manila ein besonderes Restaurant. Es hiess Mariposa
de Vida und war vor allem bei Japanern und Orientalen als einschlägiger
Hit bekannt. Die servierten Gerichte sollten aphrodissisch wirken, das heisst,
den Geschlechts- und Liebestrieb beleben. Seeschlangenmenüs standen dabei
hoch im Kurs: gebacken, gebraten, geröstet oder gekocht, mit und ohne Haut.
Wer es aber besonders nötig zu haben meinte, bestellte Schlange "life":
Der Gast schnitt der noch lebenden Schlange, vom Patron auf einem Holzbrett
säuberlich präsentiert, die Kehle durch und schlürfte wonniglich
erst einmal ihr Blut. Dann schnitt er den noch schlängelnden Rest scheibenweise
ab, würzte reichlich mit Soya-Sauce nach und verschlang die Stücke
roh. Diese urchig-rustikale Zubereitung wurde vor allem von Japanern immer wieder
gewünscht. Japanerin sollte man sein...
Die Orientalen dagegen bevorzugten à la mode du Chef "Adobo".
Hier das Rezept - in Ermangelung von Seeschlangen versuche man es hierzulande
vielleicht mit Aalen: Schlangenfleisch in kleine Scheiben schneiden und in Essig
marinieren. Dann mit viel Knoblauch und Jamaika-Pfeffer pikant würzen.
Zehn Minuten einziehen lassen, eventuell zart einmassieren. Anschliessend 30
Minuten im Salzwasser gar kochen. Danach gut abtropfen lassen, beidseitig knusprig
anbraten, mit Zwiebeln und Tomaten garniert servieren.
Rohes Schlangenfleisch wirkt natürlich viel "intensiver". Deswegen
wurde zu "Adobo" auf Wunsch noch ein spezielles Getränk gemixt.
Den Saft von drei frischen Schlangengallenblasen zu einem Glas Wein geben und
mit einem Löffel gut mischen oder drei getrocknete Gallenblasen in Kaffee
mehrmals aufkochen lassen, sieben und heiss servieren.
Wahrlich es nützt, bei Poseidon, dem Meeresgott, dem Herr der Seeschlangen,
seinen treuen Gehilfen!
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