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Tauchen - Der Notaufstieg
Was sie medizinisch über den Notaufstieg wissen
sollten. Wählen sie im Ernstfall das kleinere Übel!
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Von Dr. med. Jürg Eichhorn (1978)
Von 400 befragten Tauchern gaben 3 an, einmal aus einer wirklichen Notlage
heraus, einen Notaufstieg eingeleitet zu haben. Der notfallmässige Notaufstieg
ist - halten wir uns diese Tatsache doch einmal vor Auge - ein höchst seltenes
Ereignis.
Auf der anderen Seite stehen die zahlreichen übungsmässigen Notaufstiege,
die tragisch endeten: Lungenrisse, Hirnschädigungen, Lähmungen, vielfach
mit tödlichem Ausgang.
Sind angesichts dieser Tatsachen übungsmässige Notaufstiege überhaupt
noch gerechtfertigt? Der vorliegende Artikel befasst sich mit dem Problem Stickstoff
bei der Dekompression und lässt den Lungenriss weitgehend ausser Acht.
Lungenrisse sind aber die häufigsten Komplikationen bei Notaufstiegen,
und zwar unabhängig von der Tiefe. Jedoch, bei Lungenrissen, die sich nahe
der Oberfläche ereigneten, werden sich die Gasblasen, die ins Blut übergetreten
sind, nicht mehr wesentlich ausdehnen und der Schaden (Hirn) wird weit geringer
sein als nach einem Lungenriss in der Tiefe.
Aus diesem Grunde sollten übungsmässige Notaufstiege auf die obersten
10 m beschränkt werden. Die Tauchübung würde dann auch nicht
mehr heissen "Notaufstieg", sondern "Sichere Handhabung der Rettungsweste"
und darum geht es ja letzten Endes.
In diesem Sinne soll dieser Artikel verstanden werden.
Notaufstieg - medizinisch gesehen
" Es quirlt um mich her, Blasen schiessen aus dem Überdruckventil
meiner Rettungeweste. Wahrlich, ein berauschendes Gefühl, so nach oben
zu schiessen. Unter mir Dunkelheit und Kälte, ein schlammiger Grund, 40
m tief.
Wir wussten genau, wie man einen solchen "Blow up" übt: unbedingt
die Nullzeit einhalten und kontinuierlich ausatmen während des Aufstieges,
um ja einen Lungenriss zu vermeiden. Warmes Sonnenlicht durchflutet das Wasser
und ich geniesse die letzten Meter bis zur glitzernden Oberfläche mit Wucht
schiesst mein Körper aus dem Wasser".
Was dann geschah weis ich nicht mehr; es ist ja auch schon Jahre her. Halbbewusstlos
soll mich mein Kamerad zum nahen Ufer gezogen haben, wo ich dann bald wieder
zu mir kam. Zurück blieb ein Schwindel und eine Schwäche in den Beinen,
die sich in den nächsten Tagen wieder erholten“
Der Taucher, der mir das Erlebnis anlässlich eines Besuches im Druckkammerlabor
schilderte, war überzeugt, es handle sich um einen kleinen Lungenries mit
Gasembolie via arterielles Blut ins Nervensystem. Eine Dekompressionskrankheit,
so seine Meinung, sei unmöglich, da er ja die Nullzeiten eingehalten habe.
Nun, ein Barotrauma der Lunge muss hier sicher in Erwägung gezogen werden.
Jedoch, eine plausiblere Erklärung bietet sich uns an: Gasblasenbildung
im arteriellen Blut.
Der menschliche Körper besteht aus verschiedenen Gewebe, die sich unterschiedlich
schnell mit Gas (hier Stickstoff) sättigen und es 'bei der Dekompression
auch unterschiedlich schnell wieder abgeben können.
Damit wir diesen Gasaustausch rechnerisch in den Griff bekommen, bedienen wir
uns einer Modellvorstellung:
Der menschliche Körper wird in 16 Gewebegruppen (Kompartimente) aufgeteilt.
Jedem dieser Kompartimente entspricht eine Halbwertszeit (=Zeit, die benötigt
wird, um das Gewebe zu 50% mit Gas, hier Stickstoff, aufzusättigen).
Aus der Erfahrung vieler Tauchversuche heraus gelang es, die Organe, die bei
ungenügender Dekompression klinische Bedeutung erlangen, diesen Kompartimenten
recht genau zuzuordnen. Damit sind wir in der Lage, in jeder Phase eines beliebigen
Tauchganges rechnerisch festzustellen, welches Gewebe kritisch ist, das heisst,
bei ungenügender Dekompression Symptome erzeugt.
Die Basis unserer Überlagerungen zum Verständnis der Vorgänge
beim Notaufstieg, bildet die Tatsache, dass das Blut nach dem Durchtritt durch
die Lunge praktisch voll mit Stickstoff gesättigt ist. Vom arteriellen
Blut diffundiert nun der Stickstoff sofort in die verschiedenen Gewebe, sodass
auf der venösen Seite nach Erreichen der Ausgangstiefe, für den Notaufstieg
praktisch kein Stickstoff vorhanden ist, also mit Blasenbildung auch nicht zu
rechnen ist.
In Betrachtung stellen wir fest, dass die Gewebe des zentralen Nervensystems
die kürzesten Halbwertszeiten aufweisen, also sehr schnell Stickstoff aufnehmen,
beziehungsweise abgeben. Die Halbwertszeit 5 Minuten gilt für die best
durchbluteten Teile des Hirne, nämlich Hirnrinde und Augenhintergrund (Netzhaut).
Andererseits nehmen die schlecht durchbluteten Gewebe (Knorpel, Knochen) nur
sehr langsam Stickstoff auf, so dass bei Erreichen der Ausgangstiefe nur eine
verschwindend kleine Menge Stickstoff aufgenommen wurde.
Verständlicherweise werden die langsamen Gewebe bei einem Notaufstieg keine
Probleme bieten.
Ganz anders das Blut: während des Notaufstieges wird praktisch kein Stickstoff
abgeatmet, denn er befindet sich ja fast ausnahmslos im arteriellen Blut und
zum Teil bereits im Gewebe. Der Stickstoff im Gewebe kann aber vernachlässigt
werden, sofern nach dem Abstieg auf die Ausgangstiefe sogleich mit dem Notaufstieg
begonnen wurde.
Beim Notaufstieg bilden sich also die Stickstoffblasen im arteriellen Blut,
diffus verteilt. Je nach Menge und Grösse bleiben sie klinisch stumm oder
führen zu den gefährlichen Symptomen, die hinreichend bekannt sind:
-Verwirrung, Schwindel, Bewusstlosigkeit, Sehstörungen (=Embolie in die
best durchbluteten Teile des Gehirns). Die Symptome treten sofort auf, also
noch vor oder bei Erreichen der Oberfläche und sind weitgehend reversibel,
das heisst, verschwinden nach kurzer Zeit. Jedoch, da sie sofort auftreten,
besteht die Gefahr des Todes durch Ertrinken.
- Gürtelschmerzen, Muskelschwäche, Gefühlsstörungen, Lähmungen,
Harnverhalten (=Embolie ins weniger gut durchblutete Rückenmark). Die Symptome
treten meist später auf, nach Erreichen des Ufers, auf der Heimfahrt und
bessern meist im Verlaufe einiger Tage. - Schmerzen in der Herzgegend, gelegentlich
mit Ausstrahlung in den linken Arm (=Embolie in die Herzkranzgefässe).
Bessern nach kurzer Zeit. Ein Herzinfarkt ist nicht zu erwarten. ( im Gegensatz
zum Lungenriss mit Gasembolie in die Herzkranzgefässe).
In welchem Moment des Aufstieges die Blasen entstehen ist ungewisse. Entstehen
sie auf 10 m Tiefe, so wachsen sie bis zur Oberfläche auf doppelte Grösse.
Die zu erwartenden Symptome werden also schwerwiegender sein, als wenn sich
die Blasen erst an der Oberfläche bilden und sich nicht mehr weiter ausdehnen.
Rechnerisch haben wir aber Grund zur Annahme, dass sich die Blasenbildung innerhalb
der letzten 10 m des Aufstieges vollzieht (bei einem Notaufstieg aus 30 - 40
m).
Gefahr schon in vier Meter Tiefe!
All diese Erkenntnisse haben wichtige praktische Konsequenzen zur Folge:
1. Absolute Limite für übungsmässige Notaufstiege 40 m. Stop
bei 10 m.
Weiteres Auftauchen langsam, min. 1 Min. bis 3 m. Dekostopp 3 Min.
2. Beginn des übungsmässigen Notaufstieges unmittelbar nach Erreichen
der gewünschten Ausgangstiefe unter
Einhaltung der vorschriftsmässigen Abstiegszeit von 10 m/Min.
3. Nie übungsmässige Notaufstiege im Anschluss an einen Wiederholungstauchgang.
Ein Notaufstieg am Ende der Nullzeit oder tiefer als 40 m bringt eine zusätzliche
Gefahr mit sich: Blasenbildung im Nervengewebe, dessen empfindlichste Teile
ja bereits in 5 Min. zu 50% gesättigt sind.
Man muss sich bewusst sein, dass es beim Üben von Notaufstiegen um die
Handhabung der Rettungsweste geht. Warum also überhaupt auf 40 m gehen?
Ein Notaufstieg ausgeführt wie folgt ist sicher und gefahrlos:
Abstieg auf 30 m (10 m/Min.). Nur soviel Luft in die Rettungsweste, bis man
sich langsam hebt. Alle 2-3 m Luft ablassen, um so die Aufstiegsgeschwindigkeit
unter Kontrolle zu halten, sodass auf 10 m wirklich gestoppt werden kann. Ablassventil
dabei immer in der Hand halten. Mundstück des Lungenautomaten in die andere
Hand nehmen und bewusst ausatmen (wird während des Notaufstieges noch eingeatmet,
wächst das Risiko eines Lungenrisses beträchtlich).
Auf die Gefahr eines Lungenrisses sei nochmals eindringlichst hingewiesen: bei
tiefer Einatmung genügt bereits ein Aufstieg von 60 cm.
Drei typische Fälle:
-Übungsmässiger Notaufstieg aus 20 m, schwerer Lungenriss mit Todesfolge
innert Minuten.
-Schwimmbad, Aufstieg aus 7 m, Tod infolge Lungenriss.
-Schwimmbad, Aufstieg aus 4 m, schwerer Herzinfarkt wegen Lungenries und Gasembolie
in die Herzkranzgefässe.
Ein weiteres, vieldiskutiertes Problem in Zusammenhang mit Notaufstiegen soll
noch erörtert werden:
Aufstieg aus grösserer Tiefe (z.B. 60 m, Aufenthaltszeit 30 Min.). Nun
reicht der Luftvorrat nicht mehr, um die erforderliche Dekompression vollumfänglich
durchzuführen. Erster Dekostopp bei 15 m.
Frage: Sollen jetzt die tiefen Dekorstufen soweit wie möglich eingehalten
werden oder soll man direkt auf 3 m gehen?
Die Antwort ist eindeutig: tiefste Dekostufen einhalten.
Es versteht sich von selbst, dass von Tauchgängen in diese Tiefen dringendst
gewarnt werden muss!
Die Haut ruhig zu Markte tragen
Die Betrachtung des Dekompressionsvorgangs zeigt, dass während den tiefen
Dekostufen die schnellen Gewebe (zentrales Nervensystem) die Dekompression bestimmen.
Die Nichteinhaltung dieser Dekostufen kann also Hirnschädigungen zur Folge
haben.
Auf 3 m andererseits sind es die langsameren Gewebe (Haut, Muskulatur), die
sogenannt kritisch gesättigt sind mit Stickstoff. Bei Verzicht auf diese
Stufe riskiert der Taucher lediglich die harmlosen "Taucherflöhe"
und einen "Muskelkater".
Die tiefen Dekostufen einhalten heisst also das kleinere Übel wählen.
Wir vermeiden Hirnschädigungen, nehmen dafür Dekompressionsschäden
der Haut (Taucherflöhe) und der Muskulatur (Muskelkater) in Kauf.
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