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Isabelle und Napoleon
Als Isabelle und Mike im Juli 1978 von Ofira aus zur Insel Tiran aufbrachen,
ahnten sie nicht,
dass dort ihren schönsten und interessantesten Tauchgang erleben würden
Text: Dr. med. Jürg Eichhorn
Photo: Mike Korienek
Mike traut seinen Augen nicht: Die 100 Kilogramm schwere Fischmasse, die er
soeben noch weit oben im Gegenlicht der frühen Nachmittagssonne grazile Kreise
drehen sah, gleitet plötzlich langsam und ruhig, federleicht, in die Tiefe ....
genau auf Isabelle zu. Ihr schönes, langes Haar wallt in der leisen Strömung
auf und nieder. Napoleon, der stattliche, altehrwürdige Fisch, ist fasziniert.
So eigenartige "Tentakel" bekam er wohl noch nie zu Gesicht. Neugierig
und furchtlos, aber nicht ohne eine instinktive Vorsicht zu verraten, nähert
er sich dem Kopf des ahnungslosen Mädchens. Mike erstarrt! Einen Augenblick
lang scheint es, als würde der weit über einen Meter lange Koloss an den braunen
Haaren Isabelles knabbern. Napoleon aber verliert rasch das Interesse an dieser
holden Weiblichkeit - vorerst wenigstens. Sein neues Augenmerk gilt einer Mördermuschel.
Zwischen den leicht geöffneten Schalen schimmert verlockend grünblaues Fleisch.
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Einen
ordentlichen Schreck bekam Isabelle als dieses riesige Ungetüm langsam
auf sie zugeschwommen kam.
Doch
das Interesse des "Napoleons" galt einer Mördermuschel
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Sehr zutraulich zeigte sich dieses
Prachtexemplar von einem Napoleonsfisch gegenüber Mikes Partnerin Isabelle
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Napoleonfische oder Spiegelfleck-Junker (coris aygula) gehören zu den Lippfischen.
Charakteristisch für sie ist ein Stirnhöcker, der sich allerdings erst
bei erwachsenen Tieren bildet.
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Mit kaum wahrnehmbaren Flossenschlägen schiebt er sich an lsabelles linker
Wange vorbei. Erst jetzt bemerkt sie den Riesenfisch. Vor Schreck fällt ihr
beinahe der Lungenautomat aus dem Mund. Mikes Maske läuft voll Wasser. Doch
ihm sollte das Lachen noch vergehen.
Mit gespannter Gelassenheit treibt der Fisch über die Mördermuschel hinweg
geradewegs auf Mike zu. Schützend hält er das Kameragehäuse vor sich hin. Ein
unnötiges Unterfangen. Napoleon zieht an ihm vorbei und verschwindet in der
Ferne. Die Spannung der vergangenen Minuten löst sich. Mike beginnt, sich über
die verpasste Nahaufnahme zu ärgern. Er vergewissert sich, ob Napoleon wirklich
das Weite gesucht hat.
Er schaut nach rechts und .... genau ins Auge des Kolosses. Isabelle bekommt
einen Hustenanfall. Vor lauter Lachen ist ihr ein Spritzer salziges Wasser in
die Kehle gelangt. Es sei dahingestellt, ob es die
schönen braunen Haare waren oder die verlockende Mördermuschel, die Napoleon
zur Rückkehr bewogen haben. Jedenfalls schwimmt er jetzt mehrere Male über die
Muschel hinweg und im Bogen um Isabelle, von welcher seine hellen Augen keine
Sekunde weichen. Mike selber findet er kaum eines Blickes würdig. Allmählich,
nach mehreren Runden, scheint sich Napoleon doch für die Mördermuschel zu entscheiden.
Er stellt seinen mächtigen Körper senkrecht über die Muschel, von dieser noch
knapp einen halben Meter entfernt. Fünf Sekunden verharrt er regungslos in dieser
Kopfstandstellung, das eine Auge auf Mike, das andere streng auf lsabelle gerichtet.
Dann plötzlich ein kräftiger Flossenschlag. Der Koloss schiesst mit voller Wucht,
mit der Beherrschung eines
Karatekämpfers, nieder. Wie eine Bärenfalle schnappen die Kiefer zu, ein lautes
Krachen, und der Muschel fehlt ein gehöriges Stück ihrer Schale. Zermalmt mit
stahlharten Zähnen, spuckt er es in vielen kleinen Stückchen ins Wasser aus.
In diesem Moment heisst es Abschied nehmen von Napoleon. Die Flaschen sind
fast leergeatmet.
Die Napoleonfische, wohl so genannt wegen ihres auffälligen Stirnhöckers, zählen
zu den Lippfischen. Ihr richtiger Name ist Spiegelfleck-Junker (coris aygula).
Sie sind weit verbreitet im indopazifischen Raum, von der Ostküste Afrikas bis
hin zu den Inseln im mittleren Pazifik. Mit 120 Zentimeter maximaler Körperlänge
sind sie die grössten Lippfische. Jungtiere sowie junge Erwachsene tummeln sich
gerne in Korallenriffen. Große, alte Tiere halten sich dagegen fast ausschliesslich
in beträchtlichen Tiefen, jenseits der Pressluftgrenze, auf. Normalerweise sind
sie sehr scheu. Spiegelfleck-Junker überraschen durch eine vollständige Farb-
und Gestaltänderung während ihrer Entwicklung. Jungtiere sind hell oder lohfarben.
Kopf und Vorderkörper sind übersät mit zahlreichen roten Flecken. Auf dem Rücken
imponieren zwei große orangerote Flecken, darüber in der Rückenflosse zwei schwarze
mit heller Umrandung.
Erwachsene Tiere erkennt man an ihrer dunkelgrünen, fast schwarzen Farbe und
den langen, schmalen Flossensäumen mit weissem Rand. Charakteristisch ist auch
der erwähnte Stirnhöcker, der allen Jungtieren fehlt. Zwischen Jugendform und
ausgewachsenem Tier bestehen viele Übergangsformen. Die sichere Zuordnung zu
den Napoleonfischen erfordert oft ichthyologisches Fachwissen.
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