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Inimicus filamentosus - "Der Feindliche"


Der Inimicus ist ein Zauberer, ein Verwandlungskünstler, der nur einem sehr geduldigen Beobachter alle Geheimnisse seiner körperlichen Erscheinung preisgibt

 

Ein Bericht von Dr. med. Jürg Eichhorn

Zeichnung: Cornelia Hesse-Honegger

März 1979, ein grässlicher Sandsturm verdunkelt die sengende Wüstensonne über Ras Muhammad und peinigt uns mit Millionen feinster Sandgeschosse. Froh, dieser Welt für eine Weile entfliehen zu können, gleiten wir durch tiefblaues Wasser der stillen Tiefe entgegen. Für einmal sollen nicht stählerne Haie als Schauspieler für meinen Unterwasserfilm agieren, sondern scheue Röhrenaale, ein wogendes Feld graziler Körper.

Flach auf dem Sand liegend schleiche ich mich an die ängstlichen Tiere heran.
Plötzlich, knapp vor mir, zwei Augen im Sand. Sie starren mich an. "Lepou" schiesst es mir durch den Sinn. Die Erinnerung an eine Bambushütte erwacht in mir.

Ich folgte einem alten Fischer in seine ärmliche Hütte aus Bambusgeflecht. Unterwegs frage ich den von Wind und Wetter gezeichneten Mann, vor welchen Meerestieren er sich am meisten fürchte. Die Haie erwähnt er nicht, wohl aber Stechrochen, Seeschlangen, Steinfische und... -Lepou"
"Lepou?" frage ich ihn. Ein Schauer durchrieselt seinen sehnigen Körper: "Lepou sein sehr gefährlich, kann töten dich". Wild gestikulierend zeichnet er in den Gedanken meiner Phantasie ein grässliches Fabeltier.
Und nun, nach all den Jahren, liegt das drachengleiche, gefährliche Wesen in seiner grotesken Leibhaftigkeit regungs- los vor mir im Sand. Kein Zweifel, er muss es sein, Inirnicus filamentosus, der "mit Fäden behangene Feind".
De unglaubliche Beschreibung des alten Fischers war in der Tat keine Ausgeburt seiner fernöstlichen Phantasie.

Mit weit aus dem Kopf herausragenden Stielaugen beobachtet das schöne Wesen mein Tun. Ich nähere mich mit dem Messer und plötzlich schiesst es auf und wippt schmetterlingsgleich durchs Wasser. Nach dieser köstlichen Darbietung seines schwimmerischen Könnens setzt es behutsam auf dem Sandboden auf und entfaltet allen zur Warnung die Pracht seines Kleides als wollte es sagen: Achtung! Ich bin Inimicus, der Feindliche!

Auf zarten Füssen ruhend (die unteren drei Strahlen der Brustflossen sind zu beweglichen Stützen umgebaut) verharrt der Fisch in gespannter Regungslosigkeit. Die vielen fransigen Hautanhängsel, die bizarren Algenfetzen gleichen, lösen seine Gestalt nahezu auf und verleihen diesem Tarnkünstler ein abenteuerliches Aussehen. Seltsame Algenbäume" säumen seinen Rücken. Aber es sind keine Algen, sondern Giftstacheln, die mit Dutzenden feiner Hautfetzen getarnt sind.
Der Inimicus, ein naher Verwandter der Steinfische, ist nur wenig mehr als einen Finger lang und trägt in seinen Drüsen ein äusserst potentes Gift. Dies musste der Australier McKay während einer lnimicus Expedition in der Shark Bay am eigenen Leib erfahren:
Es war im Oktober 1960, kurz vor Mitternacht. McKay durchsucht ein Fangnetz und hofft, bald einen dieser geheimnisvollen Fische, die bis zu Beginn dieser Expedition der Wissenschaft nahezu unbekannt waren, in die Hand zu kriegen.
Sein Wunsch sollte nur allzu schnell in Erfüllung gehen. Ein Schmerz durchzuckt plötzlich seine rechte Hand und aus einer stichförmigen Wunde am Daumenballen dringt ein Tropfen Blut. Zehn Minuten danach ist die Hand bereits stark angeschwollen, die bis zur Schulter hin- ziehenden Schmerzen fast unerträglich. Nach weiteren 5 Minuten werden Mund und Kehle trocken. McKay versinkt in ein Delirium und weiss nicht mehr, was geschieht...
Eine Stunde nach dem Stich des "Feindlichen" kehrt sein Bewusstsein langsam wieder zurück. Die Schmerzen im rechten Arm hingegen sind jetzt noch qualvoller als zuvor. Eineinhalb Stunden vergehen bis der Arm endlich in heisses Wasser getaucht werden kann. Das hitzelabile Gift verliert so an Wirksamkeit und die Schmerzen lassen in der Folge rasch nach. Zwölf Stunden später sind die letzten Beschwerden verflogen. Die Schwellung der Hand bleibt noch vier Tage lang bestehen.

Der Inimicus ist ein Zauberer, ein Verwandlungskünstler, der nur einem sehr geduldigen Beobachter alle Geheimnisse seiner körperlichen Erscheinung preisgibt.
Wie sollte man nun einen so bizarren Fisch, der mit jeder feinen Bewegung seines Körpers wieder neue Fransen und Fetzen entfaltet, photographisch erfassen können?
In der Tat, nur Pinsel und Farbe, eherne Geduld und Einfühlungsgabe vermögen diese Geheimnisse zu lüften.

Im Jahre 1965 hat Frau Cornelia Hesse-Honegger - eine Enkelin des Dichters Herman Hesse - im Zoologischen Garten Zürich diese schwierige Aufgabe auf sich genommen und in perfekter Weise gelöst. Der Zoodirektor, Professor Heini Hediger drückte seine Bewunderung für die damals 19jährige Künstlerin in folgenden Worten aus:
"Bei meinen Gängen durchs Aquarium war ich manchmal im Zweifel, was mehr zu bewundern sei, die ungeheurliche Erscheinung des Inimicus oder die grenzenlose Ausdauer, mit welcher sich die junge Künstlerin während Tagen, Wochen und Monaten in die alle Phantasie überbietende Gestalt des seltsamen Giftfisches vertieft hatte, bis sie sich absolute Klarheit über jeden Fransenfortsatz, über die kleinste Hauttuberanz, über
die letzten Einzelheiten eines jeden verschafft hatte. Weder aufdringliche Vorwitzige, noch das Gedränge der Besucher lenkten sie ab von ihrem Modell, das zu den erstaunlichsten Tarn- und Verwandlungskünstlern des Tierreiches gerechnet wird. So entstand zum erstenmal ein - man darf wohl sagen - vollkommenes Bild des lnimicus filamentosus.

Über die Biologie dieses wunderlichen Fisches sind der Wissenschaft bis anhin nur spärliche Einzelheiten bekannt. Das Vorkommen der acht beschriebenen Arten beschränkt sich auf den lndo-Westpazifik mit Schwerpunkt lndonesien bis Japan. Der lnimicus filamentosus zeigt ein von den anderen Arten abweichendes Verbreitungsgebiet: Madagaskar, Maldiven und Rotes Meer.
Die lnimicusarten sind typische Sandbwohner und leben in Tiefen von fünf bis vierzig, seltener neunzig Metern. Sie sind Räuber und ernähren sich hauptsächlich von kleinen Fischen und Krabben, die sie mit ihrem aufwärts gekrempelten Maul lebend einsaugen oder zuvor mit ihrem Gift lähmen.
Dies geschieht folgendermassen: Regungslos verharren sie stundenlang im Sand. Die Tarnung wird vollständig, indem sie mit ihren breitfächerigen Brustflossen Sandkörner auf den Rücken wirbeln. Nur Augen und Mund bleiben knapp sichtbar. Schwimmt nun ein unvorsichtiges Opfer über die giftigen Rückenstacheln hinweg, so erfolgt mit hochaufgerichteten Stacheln ein explosionsartiger Aufsprung. In wenigen Sekunden ist die Beute gelähmt und der Inimicus wandert auf seinen Stelzfüssen flink zu ihm hin. Weil eine Schwimmblase fehlt, zieht er den angenehmeren "Fussmarsch" dem Schwimmen, das ihn zu sehr ermüdet, vor.

Über Art und Wirkungsweise des Giftes beim Menschen ist nicht viel bekannt. Wissenschaftlich belegt ist nur der erwähnte Fall. Nach Aussagen malayischer Fischer soll das Gift. aber von tödlicher Wirksamkeit sein. Es ist wohl anzunehmen, dass die Zusammensetzung und die Speicherung von Art zu Art variieren. Auch Unterschiede in der Aggressivität sind denkbar. Bei einem Verteidigungsstich in höchster Not dürfte mehr Gift unter die Haut gespritzt werden als bei einer banalen Belästigung. Aus der Art der Symptome zu schliessen handelt es sich wie beim verwandten Stein- und Rotfeuerfisch um ein Neurotoxin, ein Gift, das die Nervenbahnen und Zentren lähmt.

1965 nannte Konrad Lorenz in seinem Aufsatz "Über die Entstehung der Mannigfaltigkeit" den Rotfeuerfisch den "bizarrsten Fisch, den man sich überhaupt vorstellen kann". Wohl ein Irrtum.
Der grosse Meister hätte den wunderlichen kleinen Inimicus einmal kennenlernen sollen. Ich bin sicher, auch er hätte dem gefährlich schönen Verwandlungskünstler der Meere seine ungeteilte Beachtung geschenkt.