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Amalgam - Kongressbericht
Internationaler
Kongress für Orthomolekulare Medizin - Kongressbericht vom 20. September
1997 in Zürich
ORTHO-Analytic, Fluhstrasse 30, CH-8640 Rapperswil
Chronische
Quecksilberbelastungen
Dr. Christian Hodel, Basel
Hugo Schurgäst, Rapperswil
Dr. Christian Hodel, Basel
Quecksilber
kommt als zweiwertiges Metall (auch in Dampfform) sowie als organisches und
anorgani- sches Salz ubiquitär vor. Die toxikologische Bedeutung der einzelnen
Verbindungen ist unterschiedlich. Die Vielfalt der chemischen Bindungsformen
des Quecksilbers und ihre unterschiedliche Resorption zwingt zur differenzierten
toxikologischen Einstufung der Hg-Verbindungen.
Metallisches
Hg in flüssiger Form:
Bei oraler Aufnahme praktisch untoxisch (Resorption < 0,01% aus dem Gastrointestinaltrakt).
Parenterale Applikationen können jahrelang ohne deutliche Symptomatik bleiben,
aber auch schwere resorptive Intoxikationsverläufe auslösen.
Elementares Hg in Dampf-Form:
Dampfförmiges Hg wird über den Respirationstrakt zu ca. 80% resorbiert, bei
akuter Exposition sind lokale (erosive Bronchitis), später systematische Intoxikationssymptome
zu erwarten.
Anorganische Hg-Verbindungen:
Nach oraler Aufnahme primäre Ätzwirkung im Gastrointestinaltrakt. Später auch
systemische Symptome, vor allem Nieren-Tubulus-Schäden.
Organische Hg-Verbindungen (Alkyl- und Aryl-Hg-Verbindungen):
Auf Grund guter Blut-Hirn-Schrankengängigkeit imponiert primär die zentralnervöse
Toxizität: Cortex und CerebeIlum-Zellen werden irreversibel geschädigt.
Für den
Wirkungsmechanismus spielt eine Rolle, dass Quecksilber pathogenetisch als zweiwertiges
Ion wirkt. Aufgrund der Affinität des ionisierten Hg zu den Sulfhydrylgruppen
der Aminosäuren innerhalb der Eiweissmoleküle kommt es zu Denaturierungen von
Eiweiss, was besonders bei den Enzymen von biologischer Bedeutung ist. Hg ist
somit als ein Enzymgift zu bezeichnen.
Hg besitzt
eine ausgeprägte Affinität zu bestimmten Organen. Es reichert sich besonders
an: im Epithel des Gastrointestinaltraktes, im Plattenepithel der Haut, in den
Haaren, in Speichel- und Schweissdrüsen, in der Schilddrüse, Leber, Pankreas,
Nieren, Hoden, Prostata und Gehirn (vor allem in der grauen Substanz und Teilen
des Kleinhirns).
Die Verweilzeit
ist in den einzelnen Organen sehr unterschiedlich. Die längste Retentionszeit
haben Gehirn, Nieren, Hoden und natürlich die Haare. Die biologische Halbwertszeit
reicht von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten.
Die akute
Quecksilbervergiftung ist heute selten und zeichnet sich durch eine lokal irritierende
Wirkung des Quecksilbers am Orte der Aufnahme (Magen-Darm-Trakt) oder am Orte
der Ausscheidung (Niere, Darm) aus. Es treten heftige Diarrhoe und vermehrte
Diurese auf. Letztere kann in eine Oligurie und Anurie übergehen. Daneben finden
sich Gingivitis und Stomatitis, auch bedingt durch die Ausscheidung des Hg mit
dem Speichel. Hypersalivation ist ein Leitsymptom für akute Hg-Vergiftung.
Die chronische
Hg-Vergiftung ist durch die Kumulation des Quecksilbers im Organismus bedingt,
wenn nämlich Hg über längere Zeit in geringsten Mengen aufgenommen wird. In
diesen Fällen stehen nervale Störungen im Vordergrund des Vergiftungsbildes.
Die chronische Hg-Vergiftung wird als Erethismus bezeichnet. Sie beginnt völlig
unspezifisch und stellt zunächst ein verändertes Verhalten dar. Besonders bei
Menschen, die bereits sensibilisiert sind, treten Unlustgefühle, Kontaktschwierigkeiten
und emotionelle Veränderungen auf. Auch nach Überstehen einer leichteren akuten
Vergiftung können diese Symptome auftreten, da das Hg-Metall nur sehr langsam
wieder aus dem Körper ausgeschieden wird.
Die WHO-Empfehlung
für die täglich tolerierbare Konzentration beträgt 50 mcg/Tag. Auf Grund der
grossen Streuung der Hg-Gehalte in Lebensmitteln kann dieser Wert in Einzelfällen
durchaus erreicht werden, so dass eine weitere Steigerung der Belastung von
Lebensmitteln mit Quecksilber vermieden werden sollte. Diese kumulierte Aufnahme
von Quecksilber könnte auch bei der immer wieder stark diskutierten Amalgamschädigung
eine Rolle spielen. Darum spielt eine gute Diagnostik eine wichtige Rolle.
Toxikokinetischer
Indikator für Hg-Exposition ist neben den Hg-Gehalten im Vollblut und proximalem
Haarsegment, besonders die Hg-Konzentration im 24-h-Sammelurin. Bei marginalen
Belastungen müssen Hg-Messungen über mehrere Tage erfolgen.
Zudem
sind die täglichen Ernährungsgewohnheiten zu kontrollieren und zu integrieren,
da die relativ hohen Hg-Nahrungsgehalte in Fischen zu deutlich über der oberen
Normgrenze liegenden Urin-Hg-Konzentrationen führen können.
Zur Identifizierung
des Hg-Status bei akuter Intoxikation sind Blut und Urin gut geeignet. Sei der
subchronischen und chronischen Intoxikation wird die Identifizierung durch Haar
und 24-h-Urin vorgenommen. Als Messung der Expositionsgefährdung eignet sich
neuerdings der Kaugummispeicheltest, vor allem bei Amalgamträgern.
Hier
muss darauf hingewiesen werden, dass eine Schwermetall-Überlastung noch lange
keine Schwermetall-Vergiftung ist. Die Haar-Mineral-Analyse zeigt Schwermetall-Überbelastungen
lange bevor Serumuntersuchungen positiv ausfallen (Labor für HMA: ORTHO-Analytic,
Rapperswil).
Obwohl
die schweren Vergiftungen mit Quecksilber heute selten geworden sind, muss doch
sorgfältig untersucht werden, ob die chronische Belastung mit subtoxischen Dosen
von Quecksilber nicht immer wieder zu Vergiftungserscheinungen führen kann.
Hugo
Schurgast, Rapperswil
Die chronische,
schleichende Intoxikation unseres Körpers mit Quecksilber ist aus zwei Gründen
in den Mittelpunkt des Interesses gerückt:
Einerseits
gelangen trotz grossen Anstrengungen nach wie vor riesige Mengen dieses Schwermetalles
in die Luft, Böden, in das Grundwasser und somit mitten in die Nahrungskette,
andererseits gibt die Kontroverse um die Schädlichkeit bzw. Unbedenklichkeit
von Amalgam-Plomben regelmässig zu grossen Diskussionen Anlass.
Quellen/Vorkommen
Es ist seit langem bekannt, dass Quecksilberverbindungen bereits in niedrigen
Konzentrationen toxisch sind. Aufsehenerregende Unglücksfälle ereigneten sich
in der japanischen Stadt Minimata im Jahre 1956, als Alkyl-Ouecksilberverbindungen
über Industrieabwässer ins Meer geleitet wurden. Der Verzehr der Fische und
Meeresfrüchte führte bei der Bevölkerung zu schweren neurologischen Störungen
sowie auch zu geistigen Behinderungen der neugeborenen Kinder. Eine noch schwerwiegendere
Katastrophe ereignete sich 1971 im Irak, wo Saatgut verzehrt wurde, das mit
Quecksilberverbindungen gegen Schädlinge gebeizt worden war. Von diesen Unglücksfällen
wurden jeweils Tausende von Menschen betroffen.
Industrieemissionen
und Mülldeponien bewirken, dass ansehnliche Konzentrationen an Quecksilber in
den Boden und Sedimenten sowie in den Gewässern vorliegen. Quecksilber kann
gemäss Untersuchungen von Jekat von Pflanzen und Tieren in derart beträchtlichem
Masse angehäuft werden, dass aus normalen Rückstandswerten plötzlich deutlich
belastete Organismen entstehen.
Durch
mikrobiologische Vorgänge in der Natur wird das Quecksilber in das lipophile
Methylquecksilber umgewandelt, welches über die Nahrungskette - der Verzehr
von Fischen fällt dabei besonders ins Gewicht - in unseren Körper gelangt. Zielorgane
sind in erster Linie die Synapsen der Nervenbahnen. Sowohl durch die in der
Mundhöhle (Zahnstein, Speichel) vorhandenen Streptokokken als auch durch Bakterien
und Gärung im Verdauungskanal können Quecksilberionen auch in unseren Körper
in das hochtoxische Methylquecksilber umgewandelt werden.
In der
nebenstehenden Tabelle werden die wichtigsten Möglichkeiten einer chronischen
Quecksilber- Kontamination durch Industrie- und Umweltemissionen, durch Nahrungsmittel
und Gebrauchsgegenstände aufgezeigt. Zur Klarheit muss gesagt werden, dass Amalgamfüllungen
insgesamt die Hauptursache chronischer Quecksilberintoxikationen in der Bevölkerung
darstellen.
Die wichtigsten Quecksilber-Quellen:
Nahrungsmittel
Fische
Getreide
Kartoffeln
Meeresfrüchte
Pilze
Industrie,
Umwelt
Barometer, Herstellung
Barometer, zerbrochene
Bergwerk
Chlorherstellung
Druckerschwärze
Fungizide (Getreide, Wiesen, Bäume)
Gerbereien
Holzschutzmittel
Industrieabwässer
Klärschlamm
Klimaanlagen, Filter
Krematorien
Laboratorien, chemische
Lichtdruckverfahren
Müllverbrennungsanlagen
Neonröhren, Herstellung
Papier, Herstellung
Spiegel, Herstellung
Stoffdruckereien
Thermometer, Herstellung
Thermometer, zerbrochene
Tinte, Herstellung
Vulkanausbrüche
Weichmacher
Zahnarztpraxen, Arbeiten in
Zinnober
Gebrauchgegenstände
Amalgam-Zahnfüllungen
Batterien
Bleichcrèmes
Bodenwachse, Politur
Desinfektionsmittel (Wundsalben, Tinkturen) Farben
Filzstoff
Heftpflaster
Keramik
Konservierungsmittel (Augentropfen, Kontaktlinsenflüssigkeiten, Nasentropfen)
Kosmetika
Lederfärbemittel
Medikamente
Porzellanmalfarben
Saatgut, gebeizt
Tätowierfarben
Wirkmechanismen
Quecksilber
ist ein Zell- und Protoplasmagift. Es besitzt eine hohe Affinität mit der Sulfhydryl-Gruppe
von Proteinen, mit Chloriden, Aminen und Aminosäuren. Daraus entstehen Enzymblockaden,
Veränderungen der Zellmembranen und somit des Zellaustausches. Ferner sinkt
auch die RNA-Konzentration in der Zelle. Wenn Quecksilberdämpfe in der Lunge
zu freien Radikalen bzw. Quecksilberionen oxidiert werden, können gemäss Levenson
das Hämoglobin (mögliche Folge: Myalgische Enzephalomyelitis), das Insulin,
Thyroxin, Coenzym A (keine Umwandlung der Nahrung zu Blutzucker: Hypoglykämie;
Störung der Hämoglobinsynthese), schwefelhaltige Aminosäuren und andere Enzyme
mit einer Sulfhydrylgruppe negativ beeinflusst werden. Quecksilberdämpfe können
auch mit der Magensäure zu Quecksilberchlorid reagieren, welches eine Zerstörung
der Darmbakterien bewirken und eine Überlagerung von unerwünschten Candidapilzen
und anderen Mykosen zur Folge haben kann; dies erhöht wiederum das Risiko einer
Nahrungsmittelüberempfindlichkeit.
Die Amalgamkontroverse
Die Diskussion
über gesundheitliche Risiken von Amalgamplomben wird seit Jahren mit grossen
Emotionen geführt. Währenddem die zahnärztlichen Vereinigungen nach wie vor
behaupten, dass „schädliche Auswirkungen des Quecksilbers mit Ausnahmen seltener
Fälle von Quecksilberüberempfindlichkeit wissenschaftlich nicht nachgewiesen
sind“, häufen sich seriöse wissenschaftliche Berichte, wonach Zusammenhänge
zwischen dem Tragen von Amalgamplomben und entsprechenden Intoxikationserscheinungen
klar ersichtlich sind.
Als Konsequenz
davon hat Schweden als erstes europäisches Land beschlossen, das Legen von Amalgamfüllungen
zu verbieten. Till und Teherani konnten in mehreren Arbeiten Quecksilberdepots
an Kieferknochen und Zahnwurzeln unter Amalgamfüllungen nachweisen. Die Versuchsanordnung
schloss eine Beeinflussung durch mit der Nahrung aufgenommenes Quecksilber aus.
Dies zeigt, dass sich kleine Mengen Quecksilber aus Amalgamfüllungen freisetzen
und im Körper akkumulieren können. Die beiden Autoren fanden Korrelationen zur
Liegedauer der Füllungen sowie auch zu Lebensgewohnheiten des Amalgam-Trägers.
So sind
Personen, die heisse oder saure Speisen bevorzugen, starke Kauer (Kaugummikauen
kann die Quecksilberdampfkonzentrationen im Mund um das 15-fache erhöhen) sowie
Fluorzahnpastenbenützer (Halogene vermögen Quecksilber vermehrt aus den Füllungen
zu lösen) besonders gefährdet. Die Herauslösung des Quecksilbers aus der Legierung,
die ausser Quecksilber noch Silber, Zinn, Kupfer, Zink und Nickel (alte Plomben)
enthalten kann, kann durch pH-Veränderungen in der Mundhöhle, durch Korrosion,
Abrasion, Erwärmung und galvanische Mechanismen erfolgen. Daunderer hat in langjähriger
Arbeit mit Tausenden von Patienten erdrückendes Beweismaterial zusammengetragen.
Die Folgen von chronischen Belastungen mit Quecksilber sind in der folgenden
Tabelle zusammengefasst:
Auswirkungen
von chronischen Quecksilberbelastungen:
Allergien
Anämie
Angst
Appetitlosigkeit
Ataxie
Atemschwierigkeiten, Asthma
Atemwegsentzündungen
Augentrockenheit
Autoimmunkrankheiten
Blutdruck, diastolischer, erhöht
Candida-Infektionen
Depressionen
Dermatitis
Ekzeme
Fehlgeburten
Gastrointestinale Störungen
Gehörschwäche
Gelenkschmerzen
Gewichtsverlust
Gleichgewichtsstörungen
Herzerkrankungen, Arrhythmien
Immunschwäche
Infektanfälligkeit
Infertilität
Juckreiz
Konzentrationsstörungen
Kopfschmerzen
Metallgeschmack
Müdigkeit
Multiple Sklerose
Muskelschwäche
Netzhautentzündungen
Neurologische Störungen
Ohrensausen
Parästhesien
Reizblase
Sehstörungen
Speichelsekretion, vermehrt
Sprachstörungen
Schlaflosigkeit
Schwindel
Stimmungsschwankungen
Tremor
Übelkeit
Zahnfleischentzündungen
Zentralnervensystem, Störungen
Orthomolekulares
Therapiekonzept bei chronischen Quecksilberüberbelastungen:
Expositionsprophylaxe
Eruieren und Ausschalten der Ursache, um eine stetige Neubelastung mit dem unerwünschten
Schwermetall zu vermeiden.
Selen als Quecksilberantagonist
Eine Vielzahl von Arbeiten zeigt den antagonistischen Effekt von Selen
gegenüber der Quecksilbertoxizität.
Die zytotoxische
Wirkung des Quecksilbers sowie die peroxidativen Schädigungen (Verminderung
der Glutathionperoxidase-Aktivität) können durch Selen verhindert werden.
Selen
scheint mit Quecksilber einen Komplex im Atomverhältnis 1:1 bilden zu können.
Als Selensubstitution werden im Normalfall 100 - 200 mcg/Tag empfohlen, in Sonderfällen
400-600 mcg.
Bei Trägern
von Amalgamfüllungen scheint eine selenhaltige Lutsch- oder Kautablette für
eine direkte lokale Wirkung in der Mundhöhle sinnvoll. Sowohl Selenhefe als
auch Natriumselenit-Präparate sind für den Einsatz geeignet.
Zink modifiziert die Quecksilbertoxizität und erhöht dessen
Ausscheidung
Das Ausmass einer Quecksilber- bzw. Schwermetallüberbelastung sowie die Mobilisation
der toxischen Elemente wird von einem Zinkmangel mitbestimmt. Die Substitution
mit Zink muss je nach Zinkstatus über mehrere Monate durchgeführt werden.
Vitamin C
Vitamin C ist in der Lage, die Ausscheidung von Quecksilber zu fördern (Verbesserung
der Wasserlöslichkeit von Quecksilber durch Hydroxylierung). Zudem ermöglicht
Vitamin C eine verbesserte Resorption von Zink.
Vitamin E
Vitamin E scheint die neurotoxischen Wirkungen von Methylquecksilber und anorganischem
Quecksilber zu vermindern.
Schwefelhaltige Aminosäuren
Quecksilber besitzt eine hohe Affinität zu schwefelhaltigen Aminosäuren wie
Methionin oder Cystein (Sulfhydryl-Gruppen).
Die Zufuhr
schwefelhaltiger Aminosäuren erhöht die Mobilisation von Schwermetallen aus
den Depots.
Sulfhydryl-Gruppen
mit schwermetallbindenden Eigenschaften finden sich übrigens auch im Kohl, Knoblauch,
Zwiebeln und Hülsenfrüchten.
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