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Den Tod am Lenker
In einigen Gegenden der Welt
kann praktisch jeder Fisch Ciguatera auslösen. Am gefährlichsten
ist jedoch der Rote Schnapper, den hier ein Einheimischer von
Grand Cayman nach Hause befördert.
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Grand Cayman ist ein karibisches
Postkartenparadies.
Die Insel ist von traumhaften
Riffen umgeben die nur so von Fischen wimmeln. Aber versuchen Sie einmal
auf Grand Cayman ein Fischlokal zu finden. Hoffnungslos. Nicht, dass die
Einheimischen keinen Fisch essen mögen. Sie trauen sich nicht. Das Gespenst
Ciguatera geht um.
Ciguatera ist eine Krankheit so alt wie die Entdeckung der Erde. Als Captain
Cook 1774 auf den Neuen Hebriden landete, fingen ein paar seiner Leute
in den nahegelegenen Riffen
Fische. Allesamt erkrankten und die 16 Schweine, die von den Resten der
Mahlzeit frassen, starben.
1966 traten allein auf
Tahiti 2798 Fälle von Ciguatera auf. Im zweiten Weltkrieg starben auf
dem pazifischen Kriegsschauplatz er wiesenermassen 400 amerikanische Soldaten
an dieser Krankheit.
Im
zentralen Pazifik und in der Karibik ist die Ciguatera eine ganz alltägliche
Krankheit, im Westpazifik,
dem Indischen Ozean, dem Atlantik und dem Mittelmeer aber praktisch unbekannt.
"Die Männer, die von diesem Fisch gegessen hatten, wurden so krank,
dass sie nur noch den Tod erwarteten. Die Schiffe glichen dem Hospital
einer von der Pest geschlagenen Stadt. Man hörte nur noch Jammern und
das Flehen um Seelenheil."
Alexander
Dalrymple, 1605.
Das Wort Ciguatera kommt aus
dem Spanischen und wurde wahrscheinlich erstmals von den spanischen Conquistadoren
auf Cuba verwendet. Sie beschrieben damit eine Krankheit, die nach dem
Genuss der Meeresschnecke Turbo pica oder cigua auftrat. In der Folgezeit
wurde der Begriff verallgemeinert. Heute bezeichnet Ciguatera eine Vergiftung
des Nervensystems durch Giguatoxin. Eine hitzestabile, ölige Substanz,
die sich im Gewebe mancher Fische ansammelt. Im Prinzip kann jeder Fisch
aus einem "vergifteten" Gebiet Träger
dieser Substanz sein. Besonders häufig betroffen aber Ist der Barrakuda
und der Rote Schnapper Lutjanus bohar.
Ciguatera
ist eine Krankheit mit vielen offenen Fragen. Fische, die an einem Ort
jahrhundertlang geniessbar waren, sind plötzlich hochgiftig. So geschehen
auf den Midway Inseln. Auf Bora-Bora errichteten die Amerikaner im letzten
Weltkrieg einen Stützpunkt mit großangelegten Hafenbefestigungen. Seither
sind auch dort die Fische ciguatoxisch.
"Jeder Einwohner über dreissig war mindestens einmal In seinem Leben
an Ciguatera erkrankt.
Fast täglich wird ein Vergifteter bei uns eingeliefert."
Woran das siegt ist bislang
noch nicht geklärt. Ein japanischer Biologe will kürzlich herausgefunden
haben, dass sich das Gift im Geisseltierchen Dioplopsalis konzentriere,
andere wiederum sehen in den Korallenpolypen die eigentlichen "Giftmülldeponien".
Ein weiterer Erklärungsversuch trägt einem recht eigenartigen Tatbestand
Rechnung: Fische nämlich, die im Strömungsschatten einer Insel leben,
sind weit mehr ciguatoxisch als solche, die ihr Revier an strömungsexponierten
Riffen haben. Dort aber, wo stark gifthaltige Fische leben, tritt auch
die "Blaugrüne Alge" überproportional häufig auf. Veränderungen
des Meeresmilieus, sei es durch Menschenhand oder durch natürliche Vorgänge
wie Klimaänderungen, können eine Blüte jener Blaugrünen Algen zur Folge
haben.
Auf jeden Fall folgt die Anhäufung des Giftes in den Fischen der Nahrungskette.
Da sind zuerst die Pflanzenfresser, die das Gift in den Eingeweiden und
in der Leber speichern. Diese werden wiederum von Raubfischen gejagt und
gefressen, die im Laufe ihres Jägerdaseins soviel Gift in ihrem Fleisch
anlagern, dass ihr Genuss für den Menschen zur Gefahr wird. Dabei gilt:
Je grösser der Fisch, desto giftiger ist er.
Ciguatera befällt Tiere und Menschen gleichermassen.
Diese Tatsache machen sich viele Eingeborenen zu Nutze und geben ihren
Haustieren erst mal eine Kostprobe von ihrem Fang. Schnurrt das Kätzchen
noch am nächsten Tag, kann der Tisch gedeckt werden.
Wer
meint, auf Vorkoster verzichten zu können, wird - wenn er Pech hat - nach
wenigen Minuten oder Stunden ein Kribbeln um den Mund oder im Gesicht
verspüren. Das hat nun keinesfalls etwas mit einer Dekompressionskrankheit
zu tun. Ciguatera ist im Anmarsch. Dieses Kribbeln breitet sich rasch
auf den gesamten Körper aus, es folgen Koordinationsstörungen und Lähmungen
der Arme und Beine. Weiteres an Unpässlichkeiten: Übelkeit, Erbrechen,
Durchfälle, Bauchschmerzen, Umkehr von Kalt-Warmempfindungen. In schweren
Fällen droht Bewusstlosigkeit und Tod durch Atemlähmung. Wer dem Ciguatera
Tod noch eben einmal von der Schippe gesprungen ist, braucht Monate bis
er wieder auf den Beinen ist. Selbst nach Jahren noch lässt C35A65N08
durch motorische Restausfälle schön grüssen.
"Iss
keinen Fisch. Falls Du es nicht lassen kannst, gebe zuerst des Nachbarn
Katze einen Brocken und beobachte sie einige Stunden. Falls der Nachbar
keine Katze hat, gebe dem Ältesten aus der Familie ein Stück zu versuchen.
Erlebt er den nächsten Sonnenaufgang, kannst Du beruhigt Deine Familie
versorgen."
Karibische Lebensweisheit.
Im übrigen: In den grossen
Hotels auf Grand Cayman bekommen Sie zwar Fisch, aber ausnahmslos importierten.
Auch Schweinesteak steht auf der Karte. Es wird ja nicht gleich von einem
Vorkoster Schweinchen stammen.
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